Hybride Konflikte – in denen konventionelle militärische Kräfte mit Cyberoperationen, Informationskrieg, wirtschaftlichem Druck und digitaler Disruption kombiniert werden – machen eines deutlich: Souveränität in der Verteidigung wird immer komplexer.
Für europäische Mitgliedstaaten der North Atlantic Treaty Organization (NATO) besteht die Herausforderung darin, moderne Technologien einzuführen und diese Fähigkeiten zugleich kontrollierbar, nachvollziehbar und auch unter Druck belastbar zu halten.
In diesem Kontext bedeutet Souveränität die Fähigkeit, unabhängig zu entscheiden, zu handeln und sich anzupassen – selbst dann, wenn Bedingungen eingeschränkt sind oder Abhängigkeiten gestört werden.
In diesem Interview sprechen Pieter Minack, Industry CTO: Federal and Defense bei NTT DATA, und René Indefrey, Head of Industry Consulting: Defense and Industry, über die praktischen Auswirkungen – mit Fokus auf Erkenntnisse aus aktuellen Konflikten. Sie erläutern außerdem, wie NTT DATA mit Unternehmen der Verteidigungsindustrie zusammenarbeitet, um softwaredefinierte Fähigkeiten zu gestalten, die nationale Kontrolle mit Interoperabilität innerhalb von Verteidigungsbündnissen verbinden.
Die wachsende Bedeutung von Souveränität
Warum ist Souveränität ein so zentrales Thema in modernen, multidomänen Verteidigungsoperationen?
Souveränität ist die Grundlage operativer Handlungsfreiheit. Wer seine Systeme nicht kontrolliert, kontrolliert auch seine Entscheidungen nicht.
Mit der zunehmenden Digitalisierung militärischer Operationen wachsen auch die Abhängigkeiten – von Software, Datenplattformen, Cloudservices und Lieferketten. Souveränität reduziert diese Abhängigkeiten. Sie stellt sicher, dass Streitkräfte Fähigkeiten betreiben, anpassen und aufrechterhalten können, ohne sich auf externe Akteure verlassen zu müssen – besonders in Krisen- oder Konfliktsituationen.
Für die NATO in Europa geht es darum, nationale Führungsfähigkeit zu bewahren und zugleich mit Verbündeten interoperabel zu bleiben. Diese beiden Ziele widersprechen sich nicht. Sie müssen jedoch von Anfang an gemeinsam gedacht und gestaltet werden.
Souveränität klingt klar und einfach. Warum ist sie in der Praxis so schwer umzusetzen?
In den vergangenen zehn Jahren haben Verteidigungsorganisationen stark in digitale Technologien investiert, um Geschwindigkeit, Präzision und Lagebewusstsein zu erhöhen. Daten bewegen sich heute kontinuierlich über Netzwerke, Plattformen und Domänen hinweg. Dadurch entsteht eine neue operative Realität: Der Cyberraum ist neben Land, See und Luft zur vierten Domäne geworden.
Wer seine IT nicht vollständig versteht und kontrolliert, riskiert operative Relevanz. Cyberkommunikation und Cybersicherheit sind keine unterstützenden Funktionen mehr – sie sind einsatzentscheidende Fähigkeiten.
Genau deshalb kann Souveränität nicht nachträglich ergänzt werden. Sie muss vom ersten Tag an in Architekturen, Governance-Modelle und operative Konzepte eingebettet sein.
Fortschritte in Verteidigungssystemen
Was haben aktuelle Konflikte wie der Krieg in der Ukraine über digitale und hybride Kriegsführung gezeigt?
Sie zeigen, wie grundlegend sich Kriegsführung verändert hat. Traditionelle Fähigkeiten – Artillerie, gepanzerte Fahrzeuge, Luftverteidigung – bleiben wichtig. Sie agieren jedoch heute in einem digital unterstützten Umfeld. Autonome und GPS-gesteuerte Systeme ermöglichen Präzision auf einem Niveau, das vor 20 Jahren kaum vorstellbar war. Gleichzeitig beeinflussen elektronische Kampfführung, Cyberoperationen und Informationsmanipulation die Ergebnisse weit über die Frontlinie hinaus.
Für NATO-Staaten ist die Schlussfolgerung klar: Digitale Fähigkeiten sind keine optionalen Ergänzungen, sondern ein integraler Bestandteil von Abschreckung und Verteidigung. Verzögerte Investitionen – etwa in bewaffnete oder schwarmfähige Drohnen – zeigen, wie schnell die Wahrnehmung von Bedrohungen hinter der Realität zurückbleiben kann.
Wie geht Cyberverteidigung über militärische Systeme hinaus?
Cyberverteidigung ist untrennbar mit gesellschaftlicher Resilienz verbunden. Hybride Angriffe richten sich zunehmend gegen kritische Infrastrukturen – Energienetze, Heizsysteme, Verkehr und Kommunikation – ebenso wie gegen militärische Ziele. Desinformationskampagnen zielen darauf ab, Vertrauen und Zusammenhalt von innen heraus zu schwächen.
Der Cyberraum muss daher als zentrale Säule der Verteidigung verstanden werden. Ihn zu schützen, ist entscheidend, um nationale Funktionsfähigkeit und öffentliches Vertrauen zu erhalten. Auch wenn viele Cybervorfälle vertraulich bleiben, ist ihre kumulative Wirkung strategisch – nicht taktisch.
Wie wirkt sich die Integration von IT und OT auf Souveränität und Agilität aus, insbesondere in Europas Verteidigungsindustrie?
In allen Industrien wird OT zunehmend softwaredefiniert. Dasselbe Prinzip gilt für die Verteidigung. Cyberphysische Systeme – tief integrierte Systeme, die Computing, Vernetzung und physische Prozesse verbinden – basieren heute auf Softwareschichten, die Sensoren, Aktoren und Steuerungssysteme über Waffen- und Überwachungsplattformen hinweg integrieren.
Die Frage lautet nicht länger, ob der Fokus auf IT oder OT liegen sollte. Entscheidend ist, wie beide zusammenwirken. Eine tiefere Integration verbessert Anpassungsfähigkeit und Verfügbarkeit, muss aber sorgfältig gestaltet werden. Souveränität bedeutet nicht Isolation. Sie bedeutet bewusste Hybridisierung – mit klaren Grenzen dort, wo tiefere OT-Ebenen streng kontrolliert bleiben müssen.
Das übergeordnete Ziel ist es, Abhängigkeiten zu reduzieren. Softwarezentriertes, cyberphysisches Denken unterstützt Modernisierung und langfristige Einsatzbereitschaft. Zugleich macht es Cybersicherheit noch wichtiger, weil Cyberwirkungen unmittelbare Folgen für physische Systeme haben können.
Wie KI Verteidigungssysteme widerstandsfähiger macht
Warum ist KI in der softwaredefinierten Verteidigung so entscheidend – und zugleich so sensibel?
Die Digitalisierung hat eine Informationsmenge geschaffen, die kein Kommandeur und kein Stab allein verarbeiten kann. KI-gestützte Führungs- und Kontrollsysteme sind unerlässlich, um Daten zu analysieren, Lagebewusstsein zu schaffen und Entscheidungen zu beschleunigen.
KI ermöglicht schnellere Reaktionen und bessere Entscheidungen, besonders in zeitkritischen Szenarien. Doch Souveränität ist nicht verhandelbar. KI-Systeme dürfen keine Black Boxes sein. Sie müssen transparent, erklärbar und klar geregelt sein.
Die Verantwortung bleibt bei den menschlichen Entscheidungsträgern. KI unterstützt Urteilsvermögen, ersetzt es aber nicht. Klare Governance und Nachvollziehbarkeit sind entscheidend – insbesondere in Kampfsituationen und im Rahmen der Einsatzregeln von Bündnissen.
Was bedeutet Resilienz auf taktischer Ebene?
Resilienz bedeutet, auch unter schwierigen Bedingungen einsatzfähig zu bleiben. Auf taktischer Ebene sind Daten der Treibstoff für KI. In Friedenszeiten können souveräne Cloudumgebungen ausreichen. In Krisen oder Konflikten müssen Streitkräfte jedoch auch unter Angriff einsatzfähig bleiben.
Datenresilienz stellt sicher, dass Befehle, Lagebilder und Kommunikation verfügbar bleiben – selbst wenn Systeme gestört oder beeinträchtigt werden. Sichere, föderierte Datenarchitekturen sind entscheidend, um Führung, Kontrolle und Überlebensfähigkeit zu erhalten.
Resiliente Vernetzung wird häufig unterschätzt. Marineeinheiten müssen beispielsweise je nach Geografie und Bedingungen zwischen Satellit, Mobilfunk, Local Area Network und anderen Kommunikationswegen wechseln können. Konnektivität in jedem Szenario aufrechtzuerhalten, ist entscheidend.
Hier bringt NTT DATA umfassende Erfahrung als globaler Kommunikationsanbieter ein – mit der Gestaltung sicherer, resilienter Netzwerkinfrastrukturen für anspruchsvolle Umgebungen.
Sicherheit und Einsatzbereitschaft sind entscheidend
Wie sollte die Industrie über sichere Kommunikation denken?
Es gibt nicht das eine „sicherste“ Medium – es gibt nur mehrschichtige Sicherheit. Jeder Kommunikationsweg birgt Risiken. Funksignale können beispielsweise abgefangen oder gestört werden. Deshalb ist mehrschichtige Sicherheit so wichtig: mehrere Übertragungswege, die auf allen Ebenen Ende-zu-Ende verschlüsselt sind.
Ebenso wichtig ist Schlüsselsouveränität. Die Kontrolle über Verschlüsselungssysteme und Schlüssel muss beim Betreiber bleiben. Anbieter müssen außerdem alternative Kommunikationswege bereitstellen, falls ein Medium ausfällt.
Laserkommunikation bietet beispielsweise stark gerichtete Verbindungen, die schwer abzufangen sind – insbesondere über Satelliten oder in Line-of-Sight-Szenarien. Sie ergänzt klassische Optionen wie Glasfaser, Mobilfunk und Satellitenkommunikation.
Wie kann die Verteidigungsindustrie ihre Einsatzbereitschaft schneller erhöhen, ohne neue Abhängigkeiten zu schaffen?
Durch End-to-End-Denken. Geschwindigkeit zählt – von Anforderungen über Entwicklung und Produktion bis zum Betrieb. End-to-End-Wertströme, modellbasierte Entwicklung und digitale Zwillinge beschleunigen die Einsatzbereitschaft und stärken zugleich die Resilienz.
Digitale Zwillinge und digitale Schatten unterstützen außerdem Cybersicherheit und Lifecycle-Management. In Kombination mit KI-gestützter Qualitätssicherung und vorausschauender Wartung erhöhen sie die Verfügbarkeit und reduzieren Ausfallzeiten.
Diese Fähigkeiten helfen Verteidigungsorganisationen, auch in umkämpften Umgebungen einsatzfähig zu bleiben, und bringen industrielle Unterstützung näher an den Einsatzort.
Innovation als strategische Investition
NTT DATA ist Teil der NTT Group, die jährlich über 3 Milliarden US-Dollar in Forschung und Entwicklung investiert. Über globale Innovationszentren und Co-Creation mit Kunden tragen wir dazu bei, Technologien zu entwickeln, die reale Anforderungen in Verteidigung und Sicherheit adressieren.
Zu den zentralen Fokusbereichen gehören photonische Vernetzung und Computing, private und zukünftige Mobilfunkgenerationen sowie fortschrittliche Cloudarchitekturen, die Daten und Workloads dynamisch verlagern können, um Konfliktzonen zu umgehen.
Diese Fähigkeiten sind besonders relevant für die NATO und europäische Staaten, die mehr digitale Souveränität anstreben und zugleich interoperabel bleiben wollen.
IHR NÄCHSTER SCHRITT
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