Agentic AI für Menschen mit Behinderung: Die neue digitale Autonomie | NTT DATA

Fr, 30 Januar 2026

Agentic AI für Menschen mit Behinderung: Die Chance auf echte digitale Autonomie

Als Mensch mit einer Sehbehinderung war Technologie für mich die meiste Zeit meines Lebens eine treue Begleiterin, die im gleichmäßigen Rhythmus eines Screenreaders zu mir sprach. Diese Stimme verwandelte flache Pixel in Bedeutung, Navigation in Möglichkeiten und digitale Räume in Orte, zu denen ich nicht nur Zutritt hatte, sondern in denen ich auch sinnvoll beitragen konnte.

Als dann mit GenAI fortschrittliche visuelle Funktionen aufkamen, machte ich eine völlig neue Erfahrung. Bilder, die zuvor leer und stumm gewesen waren, wurden zu detaillierten Szenen. Komplexe Diagramme verwandelten sich in klar strukturierte Zusammenhänge. Kontext, der mir früher entglitt, wurde zu Information, mit der ich handeln konnte.

Um eines klarzustellen: Die Technologie ist noch nicht perfekt. Die Nutzung gleicht oft einem holprigen Tanz mit komplizierter Schrittfolge: Screenshot erstellen, Anwendung wechseln, hochladen, Prompt eingeben, warten. Und dennoch erfüllt mich selbst in diesem fragmentierten Workflow das schiere Potenzial, durch einen Algorithmus „sehen“ zu können, immer wieder mit Staunen

Die Ära der Agentic AI beginnt

Doch gerade als wir beginnen, diese neuen Fähigkeiten wirklich zu begreifen, kündigt sich bereits die nächste, tiefgreifendere Entwicklung an.

Agentic AI verspricht, unsere Möglichkeiten zu revolutionieren. Sie geht über isolierte Beschreibungen hinaus und erlaubt integriertes Handeln. Gemeint sind Systeme, die meine Absichten verstehen, Werkzeuge koordinieren, Entscheidungen innerhalb der von mir gesetzten Grenzen treffen und mehrstufige Aufgaben in meinem Auftrag ausführen können.

Der Schritt von Systemen, die auf Befehle reagieren, hin zu solchen, die gemeinsam mit mir auf ein Ziel hinarbeiten, markiert ein neues Level. Für mehr als eine Milliarde Menschen mit Behinderungen weltweit kann es das Verständnis von Selbstständigkeit grundlegend verändern.

Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation leben weltweit schätzungsweise 1,3 Milliarden Menschen mit einer Behinderung. Diese Zahl macht deutlich, wie groß der ungedeckte Bedarf an Zugänglichkeit und Inklusion noch immer ist. Agentic AI könnte zum Katalysator werden, der lang bestehende Teilhabedefizite schließt. Allerdings nur dann, wenn wir ihre Entwicklung mit klaren ethischen Leitplanken steuern und die Erfahrungen von Menschen mit Behinderungen konsequent einbeziehen.

Agentic AI einfach erklärt

Generative KI erlaubt es uns, Fragen zu stellen und flüssige Antworten zu erhalten. Agentic AI geht einen Schritt weiter: Sie verschiebt den Fokus von Antworten hin zu Handlungen. Diese agentenbasierte KI zeichnet sich durch zielgerichtetes Verhalten aus: Sie plant Aufgaben, wählt passende Werkzeuge aus, passt sich veränderten Bedingungen an und arbeitet konsequent auf ein Ergebnis hin, statt isolierte Anweisungen abzuarbeiten.

Man kann Agentic AI als eine Weiterentwicklung generativer Modelle verstehen, ergänzt um drei zentrale Fähigkeiten:

  • Sie kann ein Ziel in einzelne Schritte zerlegen.
  • Sie entscheidet, welche Tools oder Services in welchem Schritt zum Einsatz kommen.
  • Sie überwacht die Ergebnisse und passt ihr Vorgehen entsprechend an.

Einfach ausgedrückt: Das System reagiert nicht nur, sondern unterstützt mich aktiv dabei, Dinge über mehrere Anwendungen und Kontexte hinweg zu erledigen.

Im Alltag könnte sich das so anfühlen: Statt zu sagen „Fasse diesen Bericht zusammen“, würde ich bitten „Bereite mich auf das morgige Kundengespräch vor.“

Ein agentisches System könnte daraufhin E-Mails, interne Dokumente und Chatverläufe durchsuchen, die wichtigsten Aktualisierungen herausfiltern, relevante Erkenntnisse aus Präsentationen extrahieren und barrierefreie Zusammenfassungen in den von mir bevorzugten Formaten erstellen. Statt ein Bild lediglich zu beschreiben, könnte es ergänzende Informationen recherchieren, Barrieren proaktiv abbauen und visuelle Daten in strukturierte Tabellen überführen, die ich mit einem Screenreader navigieren kann.

Für blinde Menschen oder Personen mit Sehbehinderungen bedeutet das einen Schritt in Richtung echter digitaler Autonomie.

Wie Agentic AI menschliche Autonomie erweitert

Agentic AI hat das Potenzial, drei zentrale Bereiche des täglichen Lebens grundlegend zu verändern:

1. Informationsnavigation: Die kognitive Verbündete

Die Flut an digitalen Informationen überschwemmt uns alle. Für blinde Menschen kommen jedoch oft zusätzliche Hürden hinzu. Etwa dann, wenn Benutzeroberflächen inkonsistent gestaltet sind oder Inhalte nicht für Screenreader strukturiert wurden. Generative KI hilft bereits, indem sie Nachrichten zusammenfasst oder komplexe Dokumente vereinfacht.

Agentic AI könnte hier deutlich weitergehen und als kognitive Verbündete agieren. Sie könnte Informationen nach meinen Prioritäten filtern, Dringendes identifizieren, verwandte Inhalte bündeln, visuelle Elemente in barrierefreie Formate übersetzen und personalisierte Wissensübersichten über verschiedene Anwendungen hinweg erstellen. Die zusätzliche Belastung durch unübersichtliche oder nur teilweise barrierefreie Systeme beseitigt sie und ersetzt sie durch Inhalte, die von Grund auf barrierefrei sind.

2. Physische und digitale Orientierung: Geführt statt geraten

Für Menschen mit Behinderung sind Orientierung und Mobilität selbst mit bestehenden Hilfsmitteln komplexe Herausforderungen. Viele von uns kombinieren mentale Karten, GPS-Daten und Erinnerung an Routen mit Hinweisen aus der Umgebung.

Agentic AI könnte Gebäudedaten, Sensoreingaben, Karten, Computer Vision und Echtzeit-Umgebungsinformationen zusammenführen, um barrierefreie Wege durch Flughäfen, Bürogebäude oder öffentliche Räume zu planen. Statt mir lediglich zu beschreiben, was mich umgibt, könnte sie Hindernisse antizipieren, Routen proaktiv anpassen, mit Gebäudesystemen wie Aufzügen oder Schnittstellen für digitale Beschilderung interagieren und unterschiedliche Datenquellen koordinieren. Bewegung fühlt sich dann nicht mehr wie ein Ratespiel an, sondern wie eine geführte Erfahrung. Navigation als intelligente Partnerschaft.

3. Arbeit und wirtschaftliche Teilhabe: Von Barrieren zu Fairness

Generative KI und verwandte Technologien können einen großen Teil sprachlicher und analytischer Aufgaben automatisieren und verändern damit die Arbeitswelt in nahezu allen Branchen. Für Menschen mit Behinderungen geht es dabei um weit mehr als Produktivität – es geht um Chancengleichheit.

Agentic AI könnte im Hintergrund als eine Art Accessibility-Engine wirken: Sie wandelt nicht barrierefreie Dashboards in verständliche, narrative Zusammenfassungen um, automatisiert wiederkehrende Reportings, hebt relevante Erkenntnisse aus umfangreichen Wissensdatenbanken hervor und weist auf Barriereprobleme in Team-Workflows hin. Sie hilft Menschen, effektiv zusammenzuarbeiten, auch wenn die Tools nicht vollständig kompatibel sind. Arbeit dreht sich dann weniger um das Überwinden von Hürden und stärker um den Einsatz von Fähigkeiten, Erfahrung und Kreativität.

Wir stehen an einem ethischen Scheideweg

Die Autonomie von Agentic AI bringt ethische Herausforderungen mit sich, die tiefer reichen als bei früheren KI-Systemen. Globale Rahmenwerke wie die OECD-KI-Prinzipien oder die Empfehlung der UNESCO zur Ethik der KI betonen Würde, Menschenrechte und eine wirksame menschliche Kontrolle.

Überträgt man diese Werte auf den Kontext von Behinderung, treten sehr konkrete Risiken zutage:

Wer definiert die Ziele?

Ein System, das auf Sicherheit oder Effizienz optimiert ist, könnte stillschweigend Optionen einschränken, die es für mich als zu riskant einstuft, ohne dabei offenzulegen, was ausgeschlossen wurde. Es könnte bei der Navigation bestimmte Wege ausblenden, bei der Jobsuche Chancen herausfiltern oder mich gezielt zu „einfacheren“ Entscheidungen lenken. Doch Autonomie schwindet, wenn Optimierung im Verborgenen stattfindet. Menschen mit Behinderungen müssen Ziele selbst festlegen, Grenzen definieren und nachvollziehen können, wo ein Agent in ihrem Namen Abwägungen getroffen hat.

Welche Daten prägen die Entscheidungen des Agenten?

Wenn Trainingsdaten Menschen mit Behinderungen nicht angemessen abbilden, ziehen agentische Systeme falsche Schlüsse. Sie können Interaktionsmuster missverstehen, normale Abweichungen als Anomalien kennzeichnen oder ableistische Normen aus historischen Daten fortschreiben. Beginnen Agenten, Entscheidungen in Bereichen wie Personalgewinnung, Leistungsgewährung oder Unterstützungsangeboten zu automatisieren, werden diese Verzerrungen zu strukturellen Barrieren in großem Maßstab.

Wie viel Kontext ist zu viel?

Um mich möglichst effektiv zu unterstützen, könnten agentenbasierte Systeme Zugriff auf meinen Kalender, meine gesamte Kommunikation, persönliche Dokumente oder sogar Verhaltensmuster verlangen. Menschen mit Behinderungen erleben an manchen Arbeitsplätzen und in Servicesystemen bereits heute ein erhöhtes Maß an Überwachung. Es besteht die reale Gefahr, dass eine vermeintlich „assistive“ KI zu einer weiteren Ebene der Kontrolle wird. Jede Einführung muss daher strikt begrenzen, welche Daten erhoben werden, wer Zugriff erhält und wie diese Informationen über den unmittelbaren Nutzen für die Betroffenen hinaus verwendet werden dürfen. 

Was passiert, wenn Agenten Fehler machen?

Fehler reaktiver Systeme bleiben meist lokal begrenzt. Ein falsch interpretiertes Bild oder eine holprige Zusammenfassung sind ärgerlich, aber überschaubar. Fehler von KI-Agenten hingegen können sich fortpflanzen. Ein missverstandener Tonfall in einer E-Mail, die in meinem Namen verfasst wurde, kann Beziehungen belasten. Ein Navigationsfehler kann mich in eine tatsächlich gefährliche Situation bringen. Verlässlichkeit, transparente Protokolle über die Handlungen des Agenten und praktikable Möglichkeiten, Aktionen rückgängig zu machen, werden daher unverzichtbar.

Ein inklusiver Rahmen für Menschen mit Behinderung: Die 4 A‘s

Um Potenzial in echten Fortschritt zu übersetzen, braucht es einen auf Menschen mit Behinderung zugeschnittenen Rahmen, den Führungskräfte, Designer:innen und Entwickler:innen in der Praxis anwenden können. Vier Prinzipien bilden dafür ein solides Fundament.

1. Autonomie (Wahlfreiheit und Kontrolle): Das zentrale Ziel von Agentic AI muss eine erweiterte Wahlfreiheit für die Anwender:innen sein. Ziele dürfen nicht in intransparenten Prozessen abgeleitet werden, sondern müssen von der Person selbst definiert werden. Nutzer:innen müssen Agenten jederzeit übersteuern können, deren Pläne in verständlicher Sprache einsehen und sich gezielt gegen bestimmte Arten von Aktionen entscheiden können.

2. Accessibility (inklusiv und assistiv): Agentic AI muss sich nahtlos in assistive Technologien integrieren und nicht mit ihnen konkurrieren. Sie sollte gängige Screenreader-Regeln respektieren, eine vollständige Nutzung per Tastatur ermöglichen und Inhalte von Beginn an so aufbereiten, dass sie barrierefrei konsumierbar sind, etwa durch automatisch erzeugte Alternativtexte, klar strukturierte Ausgaben und die Unterstützung verschiedener Zugangsformen wie Audio, Text oder taktile Schnittstellen. Barrierefreiheit ist kein Zusatzfeature, sondern der Mechanismus, über den Technologie überhaupt wirksam wird.

3. Accountability (transparent and verantwortungsvoll): Die Verantwortung für das Verhalten von Agenten liegt bei Organisationen und Entwickler:innen, nicht bei den Menschen mit Behinderungen, die auf diese Systeme angewiesen sind. Systeme müssen transparent dokumentieren, welche Handlungen der Agent ausgeführt hat, welche Daten er genutzt hat und welche Entscheidungen automatisiert getroffen wurden. Nutzer:innen brauchen klare Möglichkeiten, Ergebnisse anzufechten, sowie eine menschliche Einbindung, sobald Entscheidungen hohe Tragweite haben.

4. Agency (gemeinsame Gestaltung mit Menschen mit Behinderungen): Menschen mit Behinderungen müssen Co-Designer:innen und Mitentscheider:innen bei der Entwicklung und Governance von Agentic AI sein. Frühe Tests mit behinderten Nutzer:innen, beratende Rollen, partizipative Designmethoden und Führungspositionen für Menschen mit Behinderungen innerhalb von KI-Programmen sind kein „Nice-to-have“. Sie machen den Unterschied zwischen Technologien, die wirklich befähigen, und solchen, die unbeabsichtigt ausschließen.

Das Zeitalter der kollaborativen Autonomie

Die Grenze zwischen „assistiver Technologie“ und „Mainstream-Technologie“ beginnt zu verschwimmen. Genau darin liegt eine seltene Chance: Barrierefreiheit von Anfang an in den Kern von KI-Systemen einzubetten und sie von reaktiven Werkzeugen zu intelligenten Partnern weiterzuentwickeln.

Doch diese Zukunft ist kein Selbstläufer. Wir kennen die Folgen, wenn relevante Probleme erst nachträglich berücksichtigt werden. Für Menschen mit Behinderung kann Agentic AI zu einem echten Verstärker von Selbstbestimmung werden, indem sie Hürden einreißt, mit denen sie seit Jahren umgehen müssen. Aber nur, wenn wir die Technologie aktiv in diese Richtung gestalten.

Diese Technologie ist fähig zur Zusammenarbeit. Die entscheidende Frage ist, ob Entwickler:innen bereit sind zuzuhören. Der erste Schritt besteht darin, Menschen mit Behinderung nicht nur beim Testen einzubeziehen, sondern bereits beim Entwerfen und Programmieren. Verankern wir die richtigen Werte von Anfang an, wird Agentic AI nicht nur unterstützen, sondern dazu beitragen, eine Welt mitzugestalten, die für alle gedacht ist.

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